Leise summt die Zukunft bei Karmann Elektroauto
Karmann Elektroauto: Die deutsche Automobilindustrie konzentriert sich immer mehr auf alternative Antriebe. „Wir wollen bis 2020 zum Leitmarkt für Elektromobilität werden“, heißt die Divise der Regierung. Nun zeigt der insolvente Autozulieferer Karmann sein erstes E-Fahrzeug. Der Prototyp ist die Basis für eine neue Geschäftsidee des Osnabrücker Traditionsunternehmen.
Das Karmann Elektroauto aus Osnabrück erinnert an den VW-Polo
Das einzige Geräusch was zu hören ist, ist der Antrieb der Reifen, als der nagelneue E3 in der Prototypenhalle von Karmann in Osnabrück auf uns zu rollt. Auf der futuristisch wirkenden Ladeanzeige unter der gläsernen Motorhaube leuchten vier von fünf großen Lichtstreifen. Leuchten alle, ist das Karmann Elektroauto für mindestens 150 Kilometer Fahrt bereit. Wir liegen also knapp unter dieser Marke, für unsere Testfahrt über das Werksgelände reicht es allerdings. Doch zunächst heißt es, den kleinen
Elektroflitzer von außen unter die Lupe zu nehmen:
Beim Design haben sich die Techniker von Karmann Elektroauto einiges einfallen lassen. Mit dafür eigens entwickelten Teilen und Komponenten des VW Polo wurde ein komplett neues Fahrzeug entwickelt. Heck und Front des Fahrzeugs zieren geschwungene LED-Lichtbänder um Scheinwerfer und Rückleuchten. Für einen Kleinflitzer ist die Frontpartie des E3 überraschend breit. Der Kühlergrill fehlt, die Luft wird gewollt unter und über dem Fahrzeug vorbei gelenkt und – zu Kühlzwecken – aufgefangen. Von hinten fällt die Beleuchtung der großen Heckscheibe auf, die – geformt wie ein A – außen tiefer reicht als in der Fahrzeugmitte.
Glitzern und blinken
Auf den ersten Blick ist im Innenraum auch schwer zu erkennen, dass es sich hier nicht um ein konventionelles Fahrzeug handelt. Der E3 ist ein vollwertiger Viersitzer mit geräumigem Kofferraum, in den auch mal mehr als nur die Wochenendeinkäufe reinpassen. Der Platz für die Batterie ist von außen nicht erkennbar, Platz- Einschränkungen durch das Energiepaket gibt es keine.
Der Blick auf die Anzeige hinter dem Lenkrad ist nichts für harmonische Gemüter. Auch die Tachonadel ist lediglich elektronisch vorhanden, alles blinkt. Das Kombi-Instrument zeigt in bläulichen Farben aktuell: die Geschwindigkeit, die Außentemperatur und die Restladung der Batterie an. In der Mittelkonsole informiert ein großes Display über alle Funktionen des Autos.
Der geringer Geräuschpegel
Nun liegt es an uns, den Polo-großen Stromer zu testen. Ich setze mich hinter das Steuer, drehe den runden Schalter in der Mittelkonsole auf „Drive“ und betätige langsam das Pedal ganz rechts. Jetzt zeigt uns der E3 die Vorteile des Elektroantriebs: Die volle Leistung steht adhoc zur Verfügung und auch von Innen ist der E3 geräuscharm unterwegs. Einzig ein leises elektrisches Surren, vergleichbar mit dem eines ferngesteuerten Autos, ist zu hören. Trotz des geringen Geräuschpegels kann man den E3 recht flott auf dem Werksgelände von Karmann fahren. Der Wagen geht gut in und um die Kurven und wirkt schon – bis auf das fehlende Motorengeräusch – wie ein vollkommen normales Auto. Der Wagen beschleunigt extrem gut, schnurstracks erreicht er 70 km/h.
Dabei könnte das Karmann Elektroauto, so erklärt der Geschäftsführer für E-Mobile Andreas Piepenbrink, noch deutlich schneller beschleunigen und auch eine höhere Geschwindigkeit als die im Display angezeigten 140 km/h erreichen. „Wir haben 40 KW abgeriegelt“, sagt er. Für den Anfang reicht das. Zudem habe man keinen Hochleistungsportwagen sondern ein alltagstaugliches Auto mit genügend Reichweite bauen wollen.
Kein zusätzliches Kraftstoffaggregat
Auch beim Bremsen macht der E3 einen guten Eindruck. Das Pedal reagiert sofort, auch auf leicht nasser Fahrbahn kommt der Wagen zum Stillstand. Gut, dass das Werksgelände des Osnabrücker Zulieferers neben einer Rüttelstrecke auch andere schöne Test-Materien bietet. Auf einer kleinen Rampe können wir den so genannten Berganfahrassistenten, im Marketingdeutsch „hill-holder“ genannt, ausprobieren. Langsam und lautlos rollen wir mit dem E3 eine Rampe hinauf und nehmen dann den Fuß vom Pedal. Siehe da, das kleine E-Auto steht ohne auch nur einen Zentimeter nach hinten zu rollen still auf der Stelle. Ein leichter Tipp auf das Pedal und es geht sofort weiter nach oben.
Anders als viele Elektroauto-Konzepte hat der E3 kein unterstützendes Kraftstoffaggregat. Er lebt alleine und autark von seiner Elektroladung. Und auch der Platz, an dem sich die Batterie befindet, ist so komplett neu. Die Karmann-Ingenierure haben die Lithium-Ionen-Batterie direkt in die Karosserie verbaut, genauer gesagt im – dank Frontantrieb – überflüssig gewordenen Tunnel an der Fahrzeuglängsachse. So ist man auch auf künftige Anpassungen auf Batteriearten oder -größen gut vorbereitet.
„Jeder Kunde ist eine Art Testfahrer“
Für die seit Juli insolvente Karmann GmbH stellt der bei der Elektro-Tochter E-Mobil gefertigte E3 die Basis und die große Hoffnung für das künftige Geschäft dar. Zusammen mit dem Stromerzeuger EWE, der zunächst acht E3 geordert hat, will man die Bedürfnisse der künftigen Elektroautokunden ausloten. „Jeder Kunde ist somit eine Art Testfahrer“, sagt der E-Mobil-Mitgeschäftsführer Ulrich Wieland. Mit den so gewonnenen Erfahrungen will sich die Karmann GmbH einen strategischen Vorsprung vor deren Wettbewerbern aus Fernost, USA und auch Deutschland sichern. Zusätzlich wolle man sich ein exklusives Netz von Zulieferern aufbauen. Nach den acht Prototypen sind weitere 80 Fahrzeuge auf Basis des E3 geplant, bis 2011 sollen es dann zweihundert E-Autos auf Großserienbasis sein. Fernziel ist die serienreife Produktion von Elektroautos, ob als Lieferant oder aus eigener Hersteller, bis zum Jahr 2020. Eine Entscheidung darüber sollen die kommenden Jahren zeigen.
Der Stromerzeuger EWE verspricht sich neben den Erkenntnisse über den künftigen Elektroautomarkt von dem Feldversuch vor allem weitere Erkenntnisse über die Nutzung der Elektromobilität durch echte Kunden. Man will testen inwieweit abgestellte und ans Stromnetz angeschlossene Elektrofahrzeuge auch als kurzfristige Stromspeicher dienen könnten. „Wir wollen so das Stromnetz in den Spitzenzeiten entlasten“, sagt ein EWE-Sprecher. Der Kunde kann genau einstellen, wann er sein Auto wieder vollgeladen braucht und wann die EWE auf deren Batterie als Speicher zugreifen könnte.
Vom Karmann Elektroauto zum serienreifen Elektroauto
Vom Karmann Elektroauto zum Elektroauto
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